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Der immermüde Manfred

"Ich habe eine... Schlaf... Ab... äh was? Nö?"

Noch bevor ich unfallfrei aussprechen konnte, an welcher Krankheit ich leide, hatte ich auch schon meine CPAP-Therapie. Ahhh... was‘n das‘n?

Der Reihe nach: Herbst / Winter 1997: Eine Stressphase jagt die nächste. Neben meiner normalen Arbeitsbelastung einer 35-Stunden-Woche und den Hausarbeiten, von denen ich mich in unserer WG schlechterdings nicht ausklinken kann, basteln wir an unserem dritten Kabarettprogramm: "Quattro Stagioni: amnesy national - Wie es Euch entfällt" .

Manchmal weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht. Abends Bierchen trinken, wobei der Abend auch schon am frühen Nachmittag beginnen kann. Wenn ich einen Text auswendig lernen will, dann rutscht der mit Bier besser in Leib, Seele und Leber. Und in der Küche gibt‘s dann abends noch mal ein Bierchen. Verwundert registriere ich die hohe Fluktuation an Bierkästen in der WG und frage mich, ob ich in einer Säufer-WG gelandet bin. Ein Blick auf die Bierliste macht mir mit Schrecken klar, dass ich die Frage bejahen muss: Ein Säufer in der WG .

Erschreckt und verwundert bin ich aber auch über meine Müdigkeit. Da sitze ich so gegen 22:00 Uhr in der Küche, was für mich, der ich üblicherweise nicht vor 2:00 Uhr nachts schlafen gehe, wahrlich noch keine Zeit ist, bin im Gespräch, und während ich zuhöre, da fallen mir die Augen zu. Oder ich selbst erzähle etwas, und mitten im Satz schlafe ich für einige Sekunden ein, um danach wieder aufzuwachen und den Satz zu beenden. Dabei habe ich genügend geschlafen, gut geschlafen, eben so wie ich in der Regel gut schlafe.

Auch das Problem, morgens den Wecker im Tran auszuschalten und weiter zu schlafen, habe ich einigermaßen im Griff. Einerseits habe ich nicht nur einen Wecker, sondern acht, andererseits postiere ich meine acht Wecker so im Zimmer, dass ich notwendigerweise aufstehen muss, um sie auszustellen. Und ich habe hartnäckige Wecker, so hartnäckige Wecker, dass bis zu vier biologische Wecker in Gestalt genervter MitbewohnerInnen zusätzlich eingeschaltet werden können.

Aber dass ich einfach so im Gespräch wegratze...? Nicht nur mir ist meine Müdigkeit aufgefallen, auch meine WG lästert schon über mich: "Nicht mehr lange, dann schläft er im Gehen ein!" Ich bin überarbeitet.

Angst machen mir Situationen am Steuer meines Autos. Ich spüre deutlich die Schwere meiner Augenlider, der dringende Drang, einschlafen zu wollen, während ich mit 30 bis 120 Kilometer pro Stunde durch ein Wohngebiet, die Stadt oder auf der Autobahn fahre. Und diese Tendenz zum Einschlafen habe ich auch bei kurzen Strecken.

Nein, am Steuer eingeschlafen bin ich nicht, aber etliche Male war ich kurz davor. Allerdings bedurfte es eines umfangreichen Hilfsprogramms, um nicht einzuschlafen: Radio einschalten - Radio ausschalten - Fenster aufmachen - Fenster zumachen - Selbstgespräche - mich selbst ohrfeigen - Gymnastikpausen nach 20 Kilometern Fahrt - und so weiter. ,Aber eigentlich ‘, denke ich mir, darfst Du so nicht Auto fahren. Du bist ein Sicherheitsrisiko. Ich bekomme Angst, wenn ich mich ans Steuer setzen muss.

Mai/Juni 1998: Die schlimme Stressphase ist vorbei. Die Premiere von "amnesy national" war erfolgreich. Die Arbeitsbelastungen haben sich normalisiert. Was sich aber nicht normalisiert hat, das sind meine massiven Einschlaftendenzen beziehungsweise sind diese Tendenzen zum Normalzustand geworden. Ich besuche meinen Hausarzt, weil mir soviel Müdigkeit nicht mehr koscher vorkommt. Mein Gott, ich bin doch gesund, grade mal 37 Jahre alt.

Ich schildere meinem Hausarzt mein Problem, und wie aus der Pistole geschossen sagt er "Schlaflabor" . Er habe früher selbst im Schlaflabor gearbeitet, kenne von daher die Symptome dieses Krankheitsbildes nur zu gut und rate mir dringend, möglichst schnell zu einem Termin im Schlaflabor.

Am 17. Juli 1998 gehe ich als ambulanter Patient in das Schlaflabor der Marburger Uniklinik. Brutto vier Stunden, netto 45 Minuten, das heißt 45 Minuten werde ich von Ärzten und Krankenschwestern befragt, belastet, angezapft, durchleuchtet, durchgecheckt, aber vier Stunden bin ich in Räumen des Krankenhauses. 3 Stunden 15 Minuten hänge ich auf diversen Stühlen und warte darauf, dass jemand meinen Namen aufruft, immer in der Angst, ihn nicht zu hören, weil ich gerade in diesem Moment eingeschlafen bin.

Die Wartezeit dadurch zu überbrücken, indem ich ein Buch herausnehme und darin lese, erweist sich als unpraktikabel. Ich schlafe über dem Buch ein, das Buch gleitet mir aus den Händen, fällt mit einem Schlag auf den Boden und weckt mich - und die anderen Schlafapnoiker im Warteflur.

Am Ende dieses langweiligen, langwierigen und doch anstrengenden Vormittages bin ich verkabelt, soll ich mit einem Aufzeichnungsgerät meine Nachtruhe teilen, mich völlig normal verhalten (also zwischen 2 und 3 Uhr nachts schlafen gehen) und - so die Vorgabe - morgens um acht wieder im Schlaflabor sein. Wenn ich also nicht verschlafe, dann wird‘s 'ne kurze Nacht. Am 18. Juli, fast pünktlich, gebe ich das Gerät nebst den Aufzeichnungen meiner Daten, die ich dem Gerät vorgeschnarcht habe, ab. Später empfängt mich in der Schlaflaborabteilung eine Ärztin und teilt mir freudestrahlend mit: "Tja, Herr Bentsche, Sie haben die goldene Ananas gewonnen! Sie haben eine sehr ausgeprägte Schlafapnoe und erhalten eine B-CPAP-Therapie." Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich ihrer Freude, dass ich einen Hauptgewinn gezogen habe, so unbedingt anschließen soll. Aber ihre liebevolle Unverschämtheit, mit der sie mir diese Nachricht übermittelt hat, amüsiert mich doch sehr.

Schon fünf Tage später beginnt mein dreitägiger stationärer Aufenthalt im Schnarchlabor (wie ich das Schlaflabor despektierlich nenne) der Uniklinik. Am Vormittag des 23. Juli bekomme ich nach meiner Anmeldung in der Klinik ein schickes Bett mit ganz viel Besuch. Na ja, eher Laufkundschaft, weil sich mein Bett auf dem Flur befindet. So lege ich mich hin und harre der Dinge, die da kommen mögen, schnarche ein, wache wieder auf und erkundige mich, wie das hier jetzt weiter geht. Von der Krankenschwester erhalte ich keine wirklich erschöpfende Auskunft, aber sie kümmert sich darum, dass ein Arzt vorbei kommt und mir folgendes erklärt.

Es wurde mir Blut entnommen für ein kleines Blutbild, ein Blutprofil und eine Schilddrüsenhormonbestimmung. Nun soll noch ein EKG geschrieben werden. Aufgrund dieser Ergebnisse wird dann entschieden, ob noch weitere Untersuchungen durchgeführt werden. Abends erfolgt dann die Polysomnographie im Schlaflabor. In der ersten Nacht schlafe ich noch einmal ohne Hilfsmittel, wobei ich unter ständiger Beobachtung stehend vorschnarchen werde. Am zweiten Abend soll die Therapie beginnen, indem der Luftdruck des mir zur Verfügung gestellten CPAP —Gerätes individuell auf mich eingestellt wird. Die dritte Nacht dient dann der Kontrolle des Luftdrucks.

Zu meinen Terminen, vor allem den Untersuchungen, den Visiten, den Essenszeiten, möge ich mich hier oder an anderen Orten im Krankenhaus empfinden. Ansonsten dürfe ich selbstverständlich auch nach draußen gehen, möge mich dann aber bitte abmelden und aus versicherungsrechtlichen Gründen das Gelände des Krankenhauses nicht verlassen.

Wusste ich es doch: Ich bin nicht krank. Das bisschen Müdigkeit, das bisschen Schnarchen, die paar Atemaussetzer... je nu‘! - Ein wenig irritiert bin ich allerdings wegen des Ortes, an dem ich mich gesund fühle...

Am Nachmittag melde ich mich ab und lasse mir sagen, dass ich in drei Stunden wieder hier sein soll. Draußen ist es sommerlich warm. Jetzt bekomme ich sogar ein Urlaubsfeeling. Während eines kleinen Spazierganges erinnere ich mich, dass ich mich möglichst normal verhalten soll, also so, wie ich mich in meinem Alltag verhalte. Zu meinem Alltag gehört Alkohol, den ich heute abend im Krankenhaus wohl mangels Möglichkeit nicht werde trinken können. Im Augenblick würde ich zwar lieber kein Bier trinken, aber wenn es die Wissenschaft von mir verlangt, dann opfere ich mich - und trinke zwei Flaschen. Und da das Mittagessen mengenmäßig doch eher bescheiden ausfiel (von sooo wenig soll sich ein Mensch ernähren können?), schiebe ich zum Bier ein Schnitzel mit Pommes rein. Das Abendessen im Krankenhaus ist die erwartet kleine Portion, die noch locker in meinen Magen passt. Meine 120 Kilo Lebendgewicht wollen versorgt sein.

Dann, so gegen 20:00 Uhr, soll ich mich mit geputzten Zähnen und angezogenem Schlafanzug für meine Verkabelung bereithalten. Um 20:00 Uhr! Wie soll das gehen? Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mich zuletzt vor Mitternacht zur Nachtruhe begeben habe. Ziemlich pünktlich werde ich in ein abgedunkeltes Einzelzimmer geleitet, werde verkabelt... und zähle noch nicht einmal fünfzig Schäfchen, bevor ich wegratze. Stimmt. Da war was. Ich habe eine Schlafapnoe und kann eigentlich zu jedem beliebigen Zeitpunkt einschlafen. Sone Krankheit kann Vorteile haben.

Der zweite Tag verläuft im wesentlichen wie der erste. Draußen ist es sommerlich warm. Ich bin im Krankenhaus und habe ein Urlaubsfeeling. Wenn ich im Flur in meinem Bett liege, schlafe ich. Am Nachmittag gehe ich nach draußen und verhalte mich normal. Abends werde ich wieder recht bald nach dem Sandmännchen von einem mir bis dato unbekannten Arzt verkabelt. Er befeuchtet einige Stellen meines Oberkörper mit Wasser, legt Sonden an, verklebt Klebestreifen... Irgendwann spricht er mich recht laut an: "Herr Bentsche! Nicht einschlafen! Wir müssen noch die Tests machen!"

Bei allen Guten Geistern, jetzt bin ich doch geschockt! Da fingert ein mir wildfremder Mensch an mir herum - und ich schlafe noch während er mich betatscht unter seinen Händen ein. Wenn es noch eines Beweises bedurft hatte, dass ich krank bin: Hier ist er!

Für diese Nacht zum ersten Mal habe ich eine CPAP -Maske angelegt bekommen. Das ist eine Nasenmaske, die mit Bändern über die Stirn und an den Ohren vorbei am Hinterkopf befestigt ist. Ein ständiger Luftstrom wird in meine Nase geblasen. Atme ich durch den Mund ist so weit alles in Ordnung. Atme ich aber durch die Nase, so habe ich das Gefühl, ich werde aufgeblasen wie ein Luftballon bis er platzt. Ich habe Angst vor dem Einschlafen, weil ich dann durch die Nase atme, und panikartig wieder aufwache. Dann liege ich wach, versuche mich daran zu gewöhnen, durch die Nase zu atmen, was allmählich geht. Ich schlafe wieder ein, werde wach, Luftballon. Irgendwann habe ich jedes Zeitgefühl verloren. Ich muss geträumt haben, ich läge wach und würde wie ein Luftballon aufgeblasen. Wie soll ich nur diese Nacht überstehen?

Und dann, scheinbar im nächsten Augenblick wache ich auf. Einen Moment später kommt der Arzt in mein Zimmer, informiert mich, dass es jetzt 6:00 Uhr sei. Ich bin total überrascht. Bis ein Uhr, zwei Uhr muss ich mich gewehrt, muss ich gegen die Therapie angekämpft haben, danach hatte mich die CPAP -Maske gezähmt. Vielleicht vier Stunden habe ich geschlafen, aber ich fühle mich so erholt, wie schon lange nicht mehr, und erinnere mich daran, dass ich dieses Gefühl, ausgeschlafen zu sein, kenne, aber dass ich es heute, am Morgen des 25. Juli 1998 zum ersten Mal nach langen, langen Jahren wieder erlebe.

Mein dritter und letzter Tag dieses stationären Aufenthaltes beginnt, und den ganzen Tag über freue ich mich auf die Nacht und meinen erholsamen Schlaf. (Fortsetzung folgt)

Manfred Bentsche (SHG -Marburg)

 

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