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Erfahrungen eines Apnoikers mit einem Maskengerät
Am Morgen, gleich nach der Visite, nimmt mich der freundliche Dr. S. beiseite. Ob er mir in seinem Arbeitszimmer "einen ziemlich spannenden Krimi " vorführen dürfe, fragt der junge Assistenzarzt grinsend. Dr. S. zeigt mir den Schlaf eines per Videokamera beobachteten Mannes, der im Bett liegend schauerliche Töne von sich gibt und zum Gotterbarmen röchelt. In regelmäßig wiederkehrenden, endlos erscheinenden Atempausen, deren längste immerhin mehr als dreieinhalb Minuten dauert, liegt der arme Kerl wie erschossen in seinen Kissen. Die Bilder erschrecken mich: Der in einem Hamburger Krankenhaus an zwei Dutzend Kabeln hängende und dabei über Stunden hinweg gefilmte Patient bin ich schließlich selber. Eine Nacht hat genügt, um Gewissheit zu erlangen: Ich leide, wie Oberarzt Dr. W. anhand einer detaillierten Computeranalyse erläutern wird, am so genannten Schlafapnoe-Syndrom. Die Misere ist weit verbreitet kann in schweren Fällen mit dem Schlimmsten enden. Eine Erkenntnis, die mir zu denken gibt. Dass ich offenkundig ein übler Schnarchsack bin und insofern zuvörderst meinen Mitmenschen ein arges Problem, weiß ich seit Jahrzehnten: Freundinnen flüchteten vor dem nervenden Sägewerk, das bei seinen Aussetzern eine Panik verursachende Grabesstille erzeugte, gelegentlich ins Gästezimmer. Die sonst verständnisvolle Ehefrau zog gleichfalls um. Zuweilen waren mir diese Maßnahmen peinlich - wie ich sie andererseits auch ein bisschen beleidigend fand -, aber was half das schon? Ich trug mein Päckchen mit jener stoischen Schicksalergebenheit, die ihre Kraft aus den vermeintlich Unabänderlichen bezieht. Rund 2,5 Millionen Deutsche leiden an der potenziell lebensbedrohenden Schlafapnoe, einem Aussetzen der Atmung (Apnoia, griechisch: "Windstille"). Betroffen sind meist starke Schnarcher, häufiger Männer als Frauen. Weil die oberen Luftwege vorübergehende blockiert sind, kann es während des Schlafs zu minutenlangen Atemstillstand kommen. Die Folgen: Sauerstoffmangel im Blut und ein erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Seit einigen Jahren ist die Schlafapnoe durch die Entwicklung von neuen, mit leichtem Überdruck arbeitenden Beatmungshilfen erfolgreich zu behandeln. Doch die Annahme, der notorische Schnarcher habe sich ebenso den Eigenheiten seiner Natur zu unterwerfen wie der Mann mit Haarausfall, gilt nicht mehr. Was immer der Schlaf an Rätseln bergen mag - seine bedrohlichste Deformation, die den Apnoiker hervorbringt, lässt sich aussichtsreich behandeln. Denn die Art, in der ich mich in Morpheus Arme begebe, lehren mich Neurologen, hat vor allem mit profanen Faktoren zu tun. In meinem Fall orten die Messinstrumente eine chronische Schwäche der Schlundmuskulatur. Das wie eine Fahne bei Flaute erschlaffte Gaumensegel legt sich als Hindernis über die Luftröhre. "Die Sache ist eindeutig ", sagt der Oberarzt W. mit einem jeden Zweifel ausschließenden Blick in den Stapel seiner Computerbögen: Den sorgsam durchgecheckten Patienten, der glücklicherweise noch keine organischen Schäden davon getragen hat, quält ein simpler "technischer Defekt". Den behebt seit einiger Zeit "die Maschine": Das bis vor wenigen Jahren kaum zu therapierende Krankheitsbild wird mit einem von Mikroprozessoren gesteuerten Flowgenerator bekämpft. Er pumpt auf konstantem Druckniveau gehaltene Luft in eine Nasenmaske und von dort aus in die Atemwege. Aber ich muss mich gedulden. Schlaflabore, die mit dem sogenannten nCPAP-Gerät arbeiten - für "nasal continuous positive airway pressure"-, sind gefragt. Zwischen meinem zunächst bloß der Diagnose dienenden Klinik-Aufenthalt und einem dreitägigen Training an diesem Apparat vergehen fast vier Monate. Als schließlich der erste Kontakt zu Stande kommt, bin ich noch ziemlich irritiert. Der mit Softstart-Automatik ausgestattete, einem kleinen Koffer ähnelnde Generator, stört mich nicht - umso mehr sein Zuhörer. Der Zwang, ein Häubchen tragen zu müssen, weil sich nur so die Klettverschlüsse für die luftdicht anzulegende Plastik-Maske befestigen lassen, strapaziert das Ego. Wer weiß, ob ich ohne den Videofilm meinen Anfangsschock bewältigt hätte. Die beunruhigenden Szenen, die mir den gespenstigen Eindruck vermittelten, dem eigenen Exitus zugesehen zu haben, überlagern schließlich alle Eitelkeit. An eine Maschine mittels eines 1,75 Meter langen Faltschlauches gebunden zu sein, als hinge man an einer Nabelschnur, bedarf der Übung. Erschwerend kommt hinzu, dass der "Rüssel" - ein Zwitter aus Taucher- und Gasmaske, der mich an die alberne außerirdische Fernsehfigur Alf erinnert - eher Beklemmungen hervorruft. "Bloß nix bei denken", rät der einfühlsame Dr. D. und prophezeit mir eine etwas ungewöhnliche erste Nacht, die indessen auf Anhieb einen überraschenden Ertrag bringen werde. Und tatsächlich: Ich erwache ausgeruht wie zu meinen besten Zeiten. Der Effekt erscheint umso erstaunlicher, als ich im Krankenhaus noch mit zahllosen Klebe-Elektroden und Messfühlern bepflastert daliege - eine objektive Erfolgskontrolle, die den persönlichen Befund bestätigt. Von Grunzen und Schnorcheln keine Spur mehr. Die mehr der Voruntersuchung registrierten stündlich 25 Apnoen (die mich über ein Warnsystem im Gehirn ebenso oft unbewusst aus dem Schlaf rissen) haben sich völlig erledigt. Die einzige unangenehme Nebenwirkung - eine Reizung der ausgetrockneten Schleimhäute - lindern die Ärzte, indem sie in der zweiten Nacht einen Warmluft-Befeuchter montieren. Die Maschine, obschon durch den Plastikbehälter für das destillierte Wasser sperriger und in der Handhabung etwas komplizierter geworden, wird mir nun fast sympathisch. In einer Aufwallung von Dankbarkeit verpasse ich Ihr einen Spitznamen und nenne sie kumpelhaft "mein Windei". Das Gerät, das im Kern eine Prothese hat, soll mich nun für den Rest des Lebens begleiten - doch im Kreise der Lieben beschleichen mich Hemmungen. Um mich meiner Frau gegenüber maskiert zu zeigen, brauche ich fast eine Woche. Die respektlos neugierige Tochter, die ihren Vater "im vollen Ornat" veräppeln möchte, wird weiträumig gemieden. Ganz so einfach, wie ich im Schlaflabor nach dem geglückten Einstieg annahm, fällt mir der Alltag mit der Pumpe schon der Pflege wegen nicht. Weil die Gefahr einer bakteriellen Infektion besteht, ist das an sich robuste Geflecht aus Leitungs- und Druckmessschläuchen häufig zu reinigen. Die empfindliche und vor Hautfetten zu schützende Nasalmaske benötigt täglich ein lauwarmes Spülbad. Was in der Klinik offenbar funktionierte, bereitet mir in den eigenen vier Wänden Schwierigkeiten. Allein gelassen mit meinem Wunderding und einer langen Gebrauchsanleitung kommt mir rasch die Sicherheit abhanden. Noch in der fünften einer auf acht Wochen veranschlagten Phasen der Gewöhnung ereilen mich immer wieder Rückschläge. Es gibt Nächte, in denen mich das Gefühl einer bis in die Träume vordringenden Selbstfesselung quält. Aus Sorge, zu wenig Sauerstoff in die Lungen zu kriegen, werde ich plötzlich wach und taste die Haut über den verklebten Nebenhöhlen ab. Und vor allem die Nase. Sie kribbelt und fasst sich wie zementiert an, obwohl ich nachweislich nicht erkältet bin. In meinem früheren Leben habe ich diesem eher unscheinbaren Organ kaum Beachtung geschenkt - jetzt wächst es, je näher die Bettzeit heranrückt, an manchen Abenden ins Monströse. Der Sprecher einer Selbsthilfegruppe, dem ich am Telefon mein Leid klage, kennt die Phänomene. "Eine klassische psychosomatische Reaktion", klärt er mich auf, "der man am besten mit den Mitteln der Autosuggestion begegnet ". Und ich lerne, dass die Schleimhäute äußert sensibel sind, beinahe schon ein Spiegel der Seele. Darüber hinaus hat auch das 4000 Mark teure (von der Kasse finanzierte) Gerät seine Macken. Der Warmluft-Befeuchter nimmt mir übel, dass ich selbst im kühlen November bei geöffnetem Fenster schlafe. Infolge des krassen Temperatur-Gefälles wird kondensiertes Wasser durch den Hauptschlauch in die Maske geschoben. Kann man mir verargen, dass ich in solchen Momenten nahe daran bin, die Maschine zurückzugeben? Ich beginne das in einem einlullenden Singsang vor sich hinpustende Windei mitsamt seinem lästigen Equipment und der mir auferlegten Abhängigkeit zu verfluchen. Zweimal steige ich kurzerhand aus - um an nächsten Abend reumütig einen weiteren Versuch zu starten. Denn wie segensreich die nCPAP -Therapie ist, hat sie mir längst bewiesen. Ohne die im Rachenraum künstlich stabilisierten Druckverhältnisse (in meinem Fall sechseinhalb Millibar) beginne ich den Tag wieder, als wäre ich einem wie Mike Tyson unter die Fäuste geraten. Patienten mit meinen Werten, hatte mir Dr. W. in seinem Labor drastisch vor Augen geführt, gleichen, was den Kräfteverschleiß anbelangt, "Schwerstarbeit leistenden Bergleuten ". Der Apnoiker, sagt auch der künftige Leidensgenosse von der Selbsthilfegruppe, lebe vom Sauerstoffgehalt her meistens im Himalaja. Erst der Einsatz des Flowgenerators bringe ihn "auf Meereshöhe - ein Glück, das man nicht mehr missen mag ". Zumindest in einigen Nächten habe ich Ähnliches erfahren und vor allem meine Frau. Die schläft neuerdings prima. (Quelle: Der Spiegel)
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